Zitzwitz

Videoinstallation - Thomas Zitzwitz

 

 

  • Wann: 18.04.12
  • Wochentag: Mittwoch
  • Wann: 18:00 Uhr

 

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"Am Abend im Café Übersee"

 

Videoinstallation von Thomas Zitzwitz

im Rahmen der ART COLOGNE

 

18:00 - 22:00 Uhr

Eintritt frei

 

Das Video "Am Abend im Café Übersee" wurde 1993 für den deutschen Videokunstpreis nominiert und erhielt 1994 eine lobende Erwähnung beim Marler Videokunstpreis. Es wurde im In- und Ausland gezeigt, u.a. im Bonner Kunstverein, ZKM Karlsruhe, Kunstmuseum Bonn, Kunsthalle Düsseldorf und auf dem Festival sul Novecento in Palermo. Im Rahmen der Nominierung für den deutschen Videokunstpreis tourte es bei einer Ausstellungsreihe des Goethe-Instituts durch die Welt.

 

Thomas Zitzwitz ist Preisträger des Karl Schmidt-Rottluff Stipendiums. Er lebt und arbeitet in Köln.

 

Weitere Informationen zum Künstler finden sich unter

http://www.galerie-pfab.com/de/artist/thomas_zitzwitz/biography

 

"In Zitzwitz’ Video Am Abend im Café Übersee (1994), das aus dem Dunkeln aufflackernde erotische Szenen aus Godards Prénom Carmen (1984) mit leiser Flamenco-Musik und einer aus dem Off geflüsterten Geschichte amalgamiert, wird parallel zum Spiel mit dem Voyeurismus des Betrachters eine Ebene der sanft ironischen Selbstreflexivität eingeführt: Das Schicksal des Protagonisten der Erzählung – ein Künstler, der ”sich freut, dass ihm endlich wieder etwas für seine Kunst eingefallen ist” – liegt buchstäblich in den Händen einer Frau. Seine künstlerische Zukunft hängt von einer Filmrolle mit Aufnahmen ab, die er von zwei Freundinnen ohne deren Zustimmung gemacht hat. Dann reklamiert eine der beiden Fotografierten nachdrücklich ihren Besitzanspruch an den von ihr gemachten Bildern – und es gelingt ihr, die Bedingungen für deren Verwertung zu diktieren."

 

Auszug aus dem Text:

Sauve qui peut – Beobachtungen zu einigen Situationen von Thomas Zitzwitz

 

Die komplizierte Mechanik, die zwischen Sinneseindrücken und individuellen, emotional aufgeladenen Erinnerungen wirkt, hat wahrscheinlich kein Autor mit obsessiverer Genauigkeit erforscht als Marcel Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit. So schildert der Ich-Erzähler zu Beginn des ersten Bandes, wie ein Gefühl, das sich für ihn mit einem bestimmten Geruch – dem Geruch von Bohnerwachs – verbunden hatte, ”auf eine ungeheuer beschleunigte, fast blitzartige, gleichzeitig hinterhältige und jähe Weise durch Inhalation in [ihn] eindrang – ein weit vergiftenderer Vorgang als eine Aufnahme durch den Geist”. In ähnlicher Weise ließe sich die Wirkungsweise der Installationen von Thomas Zitzwitz beschreiben. Indem sie die sinnliche Wahrnehmung der Rezipienten auf möglichst unmittelbare und eindringliche Weise aktivieren, zielen sie darauf ab, die Schwelle des bewussten Registrierens – die Freud als ”Reizschutz” bezeichnete – zu unterlaufen. Sie bringen meistens mehrere Medien wie Videoprojektionen, Soundtracks und Gerüche simultan zum Einsatz, weshalb der Künstler sie in Anlehnung an den amerikanischen Kritiker Jerry Saltz eher als ”Situationen” denn als Installationen bezeichnet; Situationen, die an bestimmte Orte und Zeitpunkte gebunden und als solche weder konservierbar noch reproduzierbar sind. Sie existieren daher meistens als Relikte: gesammelt in einer schwarzen Schachtel mit Fotografien, einer CD und verschiedenen Geruchsproben wie bei Nach Pangaea (1995) oder als Dokumentation aus Videostills – vergleichbar mit Erinnerungsfotos – wie bei Teresa aus Madrid mit gelbem Kleid, eine Situation, die Zitzwitz am 5. Dezember 1997 in einem New Yorker Apartment inszenierte. Mehrere Zimmer waren mit Gerüchen versehen, die teils passend zu den Räumen gewählt waren, aber auch verwirrende Assoziationen auslösen konnten, wie etwa der Geruch einer regennassen Straße in der Bibliothek. Sie bildeten die emotive Kulisse für ein erwartetes Ereignis: die Ankunft von ”Teresa aus Madrid”. Die Frage, ob ihre Ankunft wirklich bevorstand oder ob es Teresa überhaupt gibt, ist dabei zweitrangig; ihre Abwesenheit strukturierte die Erfahrung der Situation.

 

Während Teresa aus Madrid mit gelbem Kleid von einem ‚Noch nicht’ bestimmt war, bildete eine andere Form der Abwesenheit, das ‚Nicht mehr’, den Ausgangspunkt von Ma che simpatico... quel pescecane (1998). Der Titel zitiert einen Satz aus Antonionis L’Avventura (1960). Das Skandalon des Filmklassikers besteht darin, dass eine Protagonistin – dargestellt von Lea Massari, einem italienischen Star der 60er-Jahre – zu Beginn der Handlung verschwindet und nicht wieder auftaucht, ohne dass der Film hierfür eine Erklärung liefert. In seiner Installation konfrontiert Zitzwitz in einem abgedunkelten Raum zwei Loops: kurz aufblitzende, rötlich gefilterte Sequenzen aus L’Avventura und dokumentarisch wirkende Filmaufnahmen seiner eigenen Reise zum Schauplatz des Films; eine Unternehmung mit dem deklarierten Ziel, die Vermisste zu suchen. Die Gerüche eines exotischen Strandes und eine repetitive, Spannung suggerierende Filmmusik steigern mit einer Offenkundigkeit, die einem Verfremdungseffekt gleichkommt, die psychische Involvierung der Betrachter in das imaginäre Geschehen. Und tatsächlich erscheint plötzlich eine flüchtige Sequenz der Verschwundenen zwischen den Fragmenten des ‚Dokumentarfilms’ – eine Sequenz, die auf Grund ihrer bläulichen Farbigkeit und der digitalen Gegenlichteffekte einen anderen Realitätsgrad zu besitzen scheint als das vom Künstler gedrehte Material. Sie wirkt ebenso überraschend wie desillusionierend; nicht zuletzt deshalb, weil sie eine bequeme Unterscheidbarkeit zwischen den fiktiven Bildern auf der einen Seite und dem ‚authentischen’ Material auf der anderen ad absurdum führt. Vielmehr erinnert die einmontierte Szene an das Funktionieren der Mémoire involontaire, das unwillkürliche Aufsteigen von Erinnerungen, das durch Sinneswahrnehmungen katalysiert wird.

 

In Zitzwitz’ Video Am Abend im Café Übersee (1994), das aus dem Dunkeln aufflackernde erotische Szenen aus Godards Prénom Carmen (1984) mit leiser Flamenco-Musik und einer aus dem Off geflüsterten Geschichte amalgamiert, wird parallel zum Spiel mit dem Voyeurismus des Betrachters eine Ebene der sanft ironischen Selbstreflexivität eingeführt: Das Schicksal des Protagonisten der Erzählung – ein Künstler, der ”sich freut, dass ihm endlich wieder etwas für seine Kunst eingefallen ist” – liegt buchstäblich in den Händen einer Frau. Seine künstlerische Zukunft hängt von einer Filmrolle mit Aufnahmen ab, die er von zwei Freundinnen ohne deren Zustimmung gemacht hat. Dann reklamiert eine der beiden Fotografierten nachdrücklich ihren Besitzanspruch an den von ihr gemachten Bildern – und es gelingt ihr, die Bedingungen für deren Verwertung zu diktieren.

 

© Barbara Hess 2000

 

 

 

 

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